Indische Gastfreundschaft
Es kommt mir wie Monate vor, seit ich zuletzt etwas in meinen Blog geschrieben habe. Nach einer sehr stressigen und daher schreibfaulen Zeit in Mumbai und einer ereignisreichen Woche in Pali genieße ich meinen letzten Tag in Udaipur.
Leider! Gegen Mumbai ist es hier das Paradies; ruhig, frische, klare Luft, und mit ihren kleinen Seen und den vielen ornament-verzierten Türmchen und Tempelchen ist die Stadt eine wahre Oase.
Trotz des internen Trubels waren die letzten 7 Tage definitiv die schönsten, wenn auch die intensivsten bisher. Ich hatte erstmals einen Moment, in dem ich am liebsten meine Sachen gepackt hätte, aber dann sind da eben diese wunderbaren Erlebnisse, die mich berühren und erstaunen, die mir – als unterkühlte Europäerin – teilweise schon fast unangenehm oder peinlich sind.
Als ich gestern Nacht endlich im Hotel auf meinem Bett sass, musste ich erst mal das seltsame Gefühl verdauen, das sich in den letzten Stunden eingeschlichen hatte. Deepmala, eine ganz entzückende 30-jährige Rajput, die mich die letzten Tage durch die Wüste begleitet hatte, lud mich ein, mit ihrer Familie zu feiern, dass ihr kleiner Bruder in Udaipur als PhD Student angenommen worden war.
Deepmala, ihre Schwägerin Sanghita und Bruder R… (ich weiß nur noch, dass sein Name “Mond auf dem Kopf” heißt und sich auf Lord Shiva, den Vater aller Götter, bezieht, der eben einen Mond auf dem Kopf trägt.
Sie selber ist bei Educate Girls für einen der 10 Blocks in Pali verantwortlich für die Community Mobilization, und die Implementierung des EG-Modells. Zwar weiß ich, dass sie nicht viel verdient, schätzte sie aber höhere Mittelklasse ein.
Deepmala und ihr anderer Bruder
An einem der 7 Seen.
Bevor wir zu ihrem Onkel nach Hause gingen, assen wir uns durch sämtliche Street-Food Köstlichkeiten am See durch. Schon da war es mir unangenehm, dass sie ohne wenn und aber alles für mich zahlten. All meine Versuche, die schnellere beim Bezahlen zu sein, scheiterten. Ein Gast ist in Indien 200% Gast, alles wird organisiert und bezahlt. Dementsprechend würde das wohl auch erwartet, wenn mich jemand in Berlin besucht. Bis dahin muss ich mir noch ein paar Scheiben von der indischen Gastfreundlichkeit abschneiden…
Im Haus des Onkels führte mich Deepmala voller Stolz durch die Räumlichkeiten, während ich heimlich schluckte. Das Haus ist zwar vergleichsweise groß, trotzdem hat jedes der Zimmer mindestens 3 Betten und 1 Sofa. Die Küche ist im Keller, wo die Frauen am Boden Chapati (Fladenbrot) und Gemüse zubereiten und auch gegessen wird am Boden.
Das Gericht war sehr einfach, es gab Chapati, Reis und ein Gemüse. Als Deepmala’s Schwester mir Egg-Curry hinstellte, wurde mir klar, dass sie extra für mich noch schnell Eier gekauft hatte, weil ich zuvor gesagt hatte, dass ich alles esse, auch Fleisch. Hindus leben vegetarisch und die religiöseren essen auch keine Eier.
Eigentlich hatte ich überhaupt keinen Appetit mehr und würgte herunter, soviel eben in mich reinpasste. Ich konnte an ihren Blicken sehen, dass sie sich alle fragten, ob es mir schmeckt, und ob ich wohl zufrieden bin, obwohl ich immer wieder beteuerte, dass es wahnsinnig gut schmeckt. Zudem wollten sie mich nicht zurück ins Hotel lassen; es sei doch viel schöner hier, in der Familie, warum ich denn ganz einsam in mein leeres Zimmer zurückwolle. Vor allem Deepmala’s Bruder bedrängte mich regelrecht, dass ich die Nacht über bei ihnen bleibe. Mit fremden Leuten in einem Raum, womöglich noch gemeinsam in einem Bett zu schlafen, das war mir dann doch zuviel des Guten. Nach 5 Stunden Culture Clash wünschte ich mir nichts sehnlicher, als endlich in mein schön weiß bezogenes Doppelbett zu kommen und meine Ruhe zu haben. Das ist etwas, was die Inder überhaupt nicht verstehen können. Für sie ist es das größte Glück, als familiäre Einheit zu leben und alles mit der Familie teilen zu können.
Etwas überfordert wie ich war, stritten sich in meinem Kopf 2 Stimmen, die eine sagte, schäm dich, du verwöhnte Schweizerin, kannst dich ruhig mal anpassen, während die andere rechtfertigte, sorry, aber ich komme nun mal aus einer anderen Kultur, und das geht mir eindeutig zu weit. Letztere hat gewonnen, und ich glaube, das war gut so.
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schöner text nadine,
is schwer das gewohnte loszulassen.
is immer nen prozeß.
les deinen blog immer gerne.
liebe grüße aus dem sonnigen neukölln.
jan